CTRL+ALT+RELAX – oder wie digitale Tools gegen Arbeitsstress helfen
Stress ist per se nichts Schlechtes, im Gegenteil: Er hilft uns in herausfordernden Situationen Höchstleistungen zu erbringen. Schädlich wird es, wenn wir abends oder am Wochenende nicht mehr abschalten können, wenn Stress nicht abgebaut und chronisch wird.
Moderne Technologien können uns beim Management von Stress wirkungsvoll unterstützen, zum Beispiel bei der Erholung und Entspannung. Ein an unserem Lab entwickeltes Stressbewältigungstraining mit Virtual Reality (VR) erzielt wesentlich stärkere körperliche Entspannung als dasselbe Training am Bildschirm.1 Dabei lernt man über die Atmung die eigene Herzaktivität zu kontrollieren – der Herzschlag wird gemessen und mittels VR in Echtzeit visualisiert.
Der Clou daran: Die Technologie kommt nur beim Erlernen der Atemübung zum Einsatz, danach funktioniert die Methode ohne jegliche Technologie und trägt bereits nach wenigen Atemzügen zur Entspannung bei. Die Kunst ist allerdings, das Erlernte im richtigen Moment anzuwenden. Auch hier kann uns neue Technologie unterstützen.
Licht- und Schattenseiten
Dank künstlicher Intelligenz ist es uns möglich, lediglich anhand der Maus- und Tastaturaktivität Stress am Arbeitsplatz zu erkennen.2 Wird der Mauszeiger häufiger und weniger genau bewegt, ist das ein Hinweis auf Stress. Indem wir Daten selektiv erheben, so dass sie keine Rückschlüsse auf Personen und Aktivitäten ermöglichen, bleiben Schutz der Privatsphäre und Datensicherheit gewährt. Die Mehrheit von befragten Arbeitnehmenden (64 Prozent) zeigt sich denn auch interessiert, solch digitales Stressmanagement für sich zu nutzen.3
CTRL+ALT+RELAX – eine Ausstellung zum Durchatmen
In der interaktiven Ausstellung präsentiert das Mobiliar Lab für Analytik Erkenntnisse und Anwendungen aus seiner Forschung zur digitalen Arbeitswelt. Besuchende erfahren, wie wir Stress bei der Arbeit mit und ohne digitale Helfer begegnen können.
Klar ist allerdings auch, dass in diesem sensitiven Gebiet gewisse ethische Leitplanken notwendig sind. Unsere Umfrage legt den Finger auf einen weiteren wunden Punkt: Die Hälfte der Befragten (52 Prozent) sorgt sich, dass digital unterstütztes Stressmanagement selber zu digitalem Stress beitragen könnte. Ein solch kontraproduktiver Effekt ist nicht unbegründet: Denn immer deutlicher zeigen sich auch die Schattenseiten des digitalen Arbeitens. So tragen digitale Arbeitsunterbrechungen bei Arbeitnehmenden wesentlich zum Spiegel des Stresshormons Kortisol bei.4
Gesucht: neue Arbeitskultur
Was heisst das für unseren Arbeitsalltag? Einerseits geht es um Selbstmanagement: Digitale Arbeitsunterbrechungen gilt es aktiv zu bewirtschaften, etwa in dem wir Hinweise und Push-Nachrichten von Mail- und Chatprogrammen bewusst abschalten und Zeiten für fokussiertes Arbeiten reservieren. Desweiteren sollten wir regelmässig Pausen einlegen und diese nicht vor dem Computer oder am Handy verbringen. Wer sich in Pausen mit anderen austauscht oder draussen frische Luft schnappt, beugt nicht nur Stress vor, sondern steigert Wohlergehen und Leistungsfähigkeit. Schliesslich können wir unseren Körper aktiv unterstützen, Stress abzubauen: Indem wir uns bewegen oder bewusst atmen – mit oder ohne technologische Hilfsmittel.
Neben unserer eigenen Handlungskompetenz sind wir aber auch abhängig vom Arbeitsumfeld. Dieses hat sich mit den neuen digitalen Möglichkeiten für viele von uns beschleunigt oder durch KI sogar fundamental verändert. Erwartungen bezüglich Präsenzzeiten im Büro, Zeiten für störungsfreies Arbeiten, Erreichbarkeit und Freizeit sowie geeignete Kommunikationskanäle müssen neu verhandelt werden.
Digitale Technologien und künstliche Intelligenz haben dank ihrer Vorteile bereits heute unsere Arbeitswelt revolutioniert. Nun können sie auch zum digitalen Management von Stress und damit zur Prävention von chronischem Stress bei der Arbeit beitragen. Das alleine genügt aber nicht: Aus meiner Sicht braucht es auch ein neues Verständnis, wie wir in einer digitalen Welt verantwortungsvoll zusammenarbeiten wollen und können.